Was genau ist diese Sehnsucht, die ich empfinde? Sehne ich mich überhaupt nach dir oder sehne ich mich nach der Idee, die ich von uns hatte?
Trotzdem. Trotzdem bin ich nicht losgegangen und habe mir Zigaretten gekauft. Trotzdem habe ich mich gestern Abend nicht betrunken, nicht mal einen Joint habe ich geraucht. Und ich habe auch nicht wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf meine Telefone gestarrt oder auf eine Email gewartet.
Ich schreibe das nur, weil ich so erstaunt bin, so voller Ehrfurcht und Faszination über dieses Wunder. Das Wunder, dass ich erlebe, seitdem ich die Sangha gefunden habe. Jahrelang habe ich Therapien gemacht, alles getan, mich stetig bemüht besser mit mir, mit meinem Leben zurecht zu kommen. Mal hatte ich auch das Gefühl, dass ich etwas besser mit den Dingen umgehen könne, mal war das Gefühl wieder verschwunden.
Aber was ist das im Vergleich zu dem, was ich an Veränderungen empfinde, seit ich praktiziere? Therapie hört da auf, wo Religion anfängt. Buddhismus ist für mich das bisher größte Abenteuer meines Lebens. Seit fünf Monaten bin ich jetzt verbunden und fast jeder Tag hält neue überraschende Fragen, Antworten und Aufgaben bereit. Und plötzlich kann ich viel häufiger so sein, wie ich sein will – klar. Ich schaffe es (manchmal, immer häufiger), so zu sein, wie ich als Kind war und mir damals wünschte, dass ich als Erwachsene auch bleiben würde.
Als Kind verstehst du oft nicht, warum sich die Erwachsenen aufregen, so wütend sind, sich solche Sorgen machen – du verstehst gar nicht worum es genau geht, was so schlimm an einer Sache ist.
Vor allem verstehst du es nicht, wenn Paare streiten, warum sich Erwachsene oft so unglaublich kindisch und unvernünftig benehmen.
Vor allem habe ich damals nicht verstanden, warum sich meine Mutter hat so behandeln lassen. Warum hat sie diese grauenhaften Launen über sich ergehen lassen, warum hat sie ihn denn nicht einfach gehen lassen? Warum, habe ich mich als kleines Mädchen so oft gefragt, warum stehen bei uns immer Frauen vorm Spiegel und reden davon, dass sie sooo dick und hässlich sind?
Warum regen sie sich permanent über Dinge auf, die sie nicht ändern können, oder scheinbar auch gar nicht ändern wollen. So oft gab es keinen Grund, der sie ernsthaft daran gehindert hätte, dieses oder jenes zu ändern – falls sie es denn hätten ändern wollen.
Ist Sehnsucht nicht oft genug eine Projektion? Projeziieren wir nicht oft genug auf einen Menschen unsere Träume? Träume, die wenig mit dieser einen Person zu tun haben?
Oft habe ich darüber nachgedacht: Ich habe mir dich gewünscht. Genau dich. Dachte ich zumindest. Ich habe mir jemanden gewünscht, bei dem ich mir sicher bin. Ich wollte nicht immer diese Zweifel an meiner Liebe haben. Also habe ich mich so sehr verliebt, dass ich immer Herzklopfen hatte, als ich dich sah. Ich hatte Herzklopfen als ich deinen Namen im Display meines Telefons sah, ich war so glücklich, die wenigen Male, die du mich wirklich gehalten hast.
Immer noch hättest du so ein leichtes Spiel mit mir. Würdest du jetzt vor meiner Tür stehen – ich würde dich nicht abweisen. Ich würde jedes liebe Wort, jede Kleinigkeit, jede zärtliche Geste aufsaugen. Aber was würde das ändern?
Wieder würdest du nach kurzer Zeit wie ausgewechselt sein. Wieder würdest du schon während du mit mir Liebe machst an dieser unsichtbaren Mauer bauen. Damit sie schon wenige Momente später wieder eine Festung um dein geschundenes Ich bildet.
Sehne ich mich nach diesem Spiel? Oh ja, ich sehne mich danach. Aber es keine gesunde Sehnsucht. Ich will aufhören damit.